top of page
Veränderung_Blog.png

Die Welt hat schon wieder ein Update​​

Wie Veränderung in unseren Alltag einzieht und warum wir nicht jede neue Route nehmen müssen.​​​​​

Du stehst im Supermarkt. Vor dir drei Möglichkeiten: die klassische Kasse, die Selbstbedienungskasse oder „Scan & Go“. An der klassischen Kasse wartet eine längere Schlange. Bei „Scan & Go“ müsstest du zunächst eine App herunterladen. Also entscheidest du dich für die Selbstbedienungskasse. Du scannst Brot, Käse und Tomaten.

 

Es läuft erstaunlich gut. Bis die Maschine plötzlich verkündet:

Unerwarteter Artikel im Ablagebereich.

Auf einmal stehst du da wie jemand, der beim groß angelegten Tomatenschmuggel ertappt wurde.
Eine Mitarbeiterin kommt, tippt einen Code ein und befreit dich aus der Situation.
Die moderne Kasse hat Zeit gespart. Nur anders als gedacht.

​

Veränderung trägt selten ein Namensschild
 

Wir sprechen oft über Veränderung, als sei sie ein großes Ereignis. Eine neue Stelle, ein Umzug,
eine Trennung oder eine Umstrukturierung im Unternehmen. Viele Veränderungen kommen jedoch viel leiser in unser Leben.
Ein Restaurant legt keine Speisekarten mehr aus, sondern stellt einen QR-Code auf den Tisch.  Ein Parkautomat nimmt keine Münzen mehr. Die Hausarztpraxis vergibt Termine nur noch über ein Onlineportal. Das Paket wartet nicht mehr bei den Nachbarn, sondern in einer Station, für die wir eine weitere App benötigen. Anfangs ist etwas eine zusätzliche Möglichkeit. Dann wird es zum bevorzugten Weg. Irgendwann ist es der einzige.

Wann genau ist das eigentlich passiert?

Wann wurde aus „Du kannst das auch digital erledigen“ ein „Das geht nur noch digital“?

Und wann haben wir aufgehört, darüber nachzudenken,
ob die neue Lösung für alle tatsächlich eine Verbesserung ist?

Das Navi weiß, wo es langgeht. Meistens.
 

Auch das Navi hat unseren Alltag verändert. Es warnt vor Stau, berechnet in Sekunden eine neue Route und kennt Straßen, von deren Existenz wir nichts wussten. Das ist großartig, besonders wenn vor uns plötzlich eine Vollsperrung auftaucht.
Manchmal führt uns die vermeintlich schnellste Strecke allerdings durch eine Straße, die immer schmaler wird. Der Asphalt verschwindet, die Hecke kommt dem Seitenspiegel bedenklich nahe und irgendwann steht ein Traktor vor uns.
Das Navi bleibt gelassen.

Wenn möglich, bitte wenden.

Wir folgen digitalen Empfehlungen, weil sie uns Orientierung versprechen. Gleichzeitig geben wir dabei einen Teil unserer eigenen Orientierung ab. Wir merken uns Wege seltener, schauen weniger auf Schilder und vertrauen darauf, dass die freundliche Stimme schon wissen wird, wo wir hinmüssen. Meistens funktioniert das. Doch was tun wir, wenn die empfohlene Route offensichtlich nicht zu uns, unserem Auto oder der tatsächlichen Straße passt? Fahren wir weiter, weil das System schließlich mehr Daten hat? Oder erlauben wir uns, der eigenen Wahrnehmung zu glauben? Diese Frage stellt sich längst nicht nur beim Autofahren.


Was gewinnen wir, was geben wir ab?


Viele Veränderungen machen das Leben leichter. Videotelefonie bringt Menschen zusammen, die weit voneinander entfernt leben. Übersetzungsprogramme helfen, Sprachbarrieren zu überwinden. Digitale Hilfsmittel eröffnen Menschen mit Einschränkungen neue Möglichkeiten. Ein Navigationssystem kann Stress reduzieren. Eine automatisierte Kasse kann praktisch sein, wenn es schnell gehen soll. Die interessantere Frage lautet deshalb nicht, ob eine Veränderung gut oder schlecht ist.

Was wird dadurch einfacher?

Was geht möglicherweise verloren?

Für wen ist die Veränderung hilfreich?

Und wer hat plötzlich mehr Mühe als vorher?

Die Speisekarte auf dem Smartphone spart Papier. Gleichzeitig sitzt der Großvater beim Familienessen vielleicht vor einem kleinen schwarzweißen Muster und fragt, wo denn nun die Getränke stehen. Die digitale Terminvergabe entlastet das Telefon der Praxis. Gleichzeitig scheitert jemand am vergessenen Passwort oder an einer Seite, die sich auf dem älteren Handy nicht richtig öffnet. Das Homeoffice erspart den Arbeitsweg. Gleichzeitig kann aus neuer Freiheit die Erwartung entstehen, auch abends noch kurz erreichbar zu sein. Fortschritt hat selten nur eine Richtung.

​

Wenn aus einer Möglichkeit eine Erwartung wird
 

Veränderung erzeugt nicht nur neue Angebote. Sie verändert auch, was als normal gilt. Wer an der Selbstbedienungskasse zögert, spürt die wartenden Menschen im Rücken. Wer eine neue App nicht sofort versteht, hält schnell sich selbst für das Problem. Wer im Team länger für ein neues Programm braucht, schaut vielleicht auf die Kollegin, die scheinbar mühelos durch alle Menüs klickt. Dabei sehen wir nicht, dass sie das Programm am Vorabend bereits eine Stunde lang ausprobiert
und dabei mehrfach beinahe den Laptop zugeklappt hat. Wir vergleichen unseren ersten Versuch mit dem sichtbaren Ergebnis anderer. Aus „Ich kenne das noch nicht“ wird dann schnell „Ich bin nicht gut darin“. Doch nicht jede Schwierigkeit ist persönliches Versagen. Manchmal ist eine Anwendung schlecht erklärt. Manchmal wurde eine Veränderung zu schnell eingeführt. Manchmal fehlen Zeit, Unterstützung oder eine echte Alternative. Und manchmal möchten wir etwas schlicht nicht auf genau diese Weise tun. Auch das darf eine Möglichkeit sein.


Nicht jede Skepsis ist Angst vor Veränderung
 

Wer eine neue Entwicklung kritisch betrachtet, gilt schnell als rückwärtsgewandt. Aber es ist ein Unterschied, ob jemand grundsätzlich alles Neue ablehnt oder eine berechtigte Frage stellt.

Braucht wirklich jedes Gerät eine App?

Muss der Kühlschrank ein Softwareupdate machen?

Warum benötigt der Parkplatz Zugriff auf meine Standortdaten?

Weshalb soll ich an der Kasse selbst arbeiten und gleichzeitig nachweisen, dass ich nichts gestohlen habe?

Und warum muss ich einen Account anlegen, um eine Pizza zu bestellen?

Solche Fragen verhindern Veränderung nicht. Sie können helfen, genauer hinzusehen. Auch im beruflichen Alltag sind es nicht immer die schnellsten Menschen, die den wichtigsten Beitrag leisten. Jemand probiert ein neues System sofort aus. Ein anderer bemerkt, dass ein entscheidender Arbeitsschritt darin fehlt. Eine Kollegin findet heraus, wie sich die bisherige
Erfahrung sinnvoll übertragen lässt. Jemand anderes erkennt, wer im Team gerade nicht mehr
mitkommt. Das Neue braucht Menschen, die es ausprobieren. Es braucht aber auch Menschen, die nachfragen, übersetzen, erinnern und widersprechen.


Die schnellste Route ist nicht immer die beste


Unser Alltag ist voll von Empfehlungen, die auf ein Ziel ausgerichtet sind: schneller ankommen, effizienter einkaufen, produktiver arbeiten, besser schlafen, mehr Schritte gehen. Fast alles lässt sich messen, vergleichen oder optimieren.
Das Navi schlägt die schnellste Route vor. Es weiß aber nicht, dass du die Strecke am Fluss lieber magst. Die Fitnessuhr erkennt, dass du dich heute wenig bewegt hast. Sie weiß nicht, dass du zwei Stunden mit einem Menschen gesprochen hast, der dich brauchte. Die Selbstbedienungskasse ist vielleicht schneller. Nicht jede gesparte Minute ist automatisch gewonnene Zeit. Manchmal ist eine fünf Minuten längere Strecke die bessere Entscheidung. Nicht weil sie effizienter ist, sondern weil sie besser zu dem passt, was uns gerade wichtig ist. „Gut genug“ kann dann bedeuten, nicht immer nach der schnellsten, modernsten oder vermeintlich besten Lösung zu suchen. Eine Route darf gut genug sein. Ein technisches Gerät darf ohne weitere Funktionen auskommen. Eine Nachricht muss nicht perfekt formuliert sein. Und wir müssen nicht jede Neuerung sofort beherrschen.


Ein kleiner Versuch für den Alltag


Achte in den nächsten Tagen einmal darauf, wo dir eine Veränderung begegnet, die längst selbstverständlich wirkt. Vielleicht bezahlst du mit dem Smartphone. Vielleicht übersetzt eine App einen Text. Vielleicht schlägt dir ein Streamingdienst vor, was du als Nächstes ansehen sollst. Vielleicht schreibt ein Programm bereits einen Satz zu Ende, bevor du selbst weißt, wie er enden soll.

 

Halte für einen Moment inne und frage dich:

Ist das gerade hilfreich?

Entscheide ich noch selbst?

Was wird mir abgenommen?

Und was möchte ich lieber nicht abgeben?

Du musst daraus keine Grundsatzentscheidung machen. Du kannst die automatische Kasse heute nutzen und morgen wieder zu einem Menschen gehen. Du kannst dem Navi folgen und trotzdem abbiegen, wenn dir die Straße merkwürdig vorkommt. Du kannst digitale Möglichkeiten schätzen und ihre Grenzen kritisch betrachten. Wir müssen nicht zwischen Fortschrittsbegeisterung und Technikverweigerung wählen. Dazwischen gibt es einen ziemlich großen Raum.


Veränderung geschieht auch ohne unsere Zustimmung


Während wir noch überlegen, ob wir eine Entwicklung gut finden, ist sie oft schon Teil unseres Alltags geworden. Wir können nicht jede Veränderung aufhalten. Wir müssen aber auch nicht jede neue Möglichkeit sofort zu unserem neuen Standard machen. Vielleicht besteht ein guter Umgang mit Veränderung weniger darin, sich möglichst schnell anzupassen. Vielleicht beginnt er damit, wieder genauer hinzusehen.

Was erleichtert mein Leben wirklich?

Wo folge ich nur, weil alle anderen es auch tun?

Welche Bequemlichkeit ist mir etwas wert?

Und an welcher Stelle möchte ich selbst entscheiden, auch wenn es ein wenig länger dauert?

Die Welt wird weiter neue Routen berechnen.


Manche führen tatsächlich schneller ans Ziel. Manche eröffnen überraschende Wege.

Und manche enden vor einem Feldweg, während das Navi unbeirrt behauptet, wir seien in drei Minuten da.

 

Dann können wir anhalten, aus dem Fenster schauen und selbst entscheiden, wie es weitergeht.

bottom of page