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umgekippter Milchkarton

Die Zukunft hat oft noch keinen Namen​​

Wenn Neues noch in vertrauten Verpackungen steckt​​​​​

Manchmal kommt die Zukunft in einer vertrauten Verpackung daher.

Von außen scheint alles klar. Man glaubt zu wissen, was hineingehört und welchen Namen es trägt.

Ausbildung oder Studium? Angestellt oder selbstständig? Vollzeit oder Teilzeit? Fachkraft oder Führungskraft?

 

Bitte wählen Sie eine Antwort.

 

Nur passt keine davon so richtig.

Dann wird gescrollt, zurückgeklickt und noch einmal von vorn gelesen. Am Ende bleibt häufig nur das Feld „Sonstiges“.

Vielleicht versteckt sich genau dort mehr Zukunft, als wir denken.

Da ist oft schon mehr Richtung, als es scheint

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In Gesprächen über die berufliche Zukunft fällt häufig der Satz: „Ich habe keine Ahnung, was ich machen möchte.“

Fragt man weiter, kommt manchmal eine erstaunlich genaue Beschreibung. Etwas mit Menschen, aber nicht den ganzen Tag. Kreativ, aber bitte nicht völlig unsicher. Technik wäre interessant, nur nicht ausschließlich am Bildschirm. Sinnvoll soll es sein, abwechslungsreich und mit guten Zukunftsaussichten. Das klingt zunächst ein wenig wie eine Bestellung, bei der am Ende selbst die Küche nicht mehr weiß, welches Gericht eigentlich gemeint ist.

 

Und doch steckt darin bereits viel Orientierung.

 

Da sind Interessen, Wünsche und Vorstellungen vom späteren Alltag. Nur ergeben sie noch keinen Berufstitel, der im Studienführer zufällig auf Seite 42 wartet. Die Frage „Was möchtest du einmal werden?“ geht davon aus, dass die passende Antwort längst existiert und nur noch gefunden werden muss. Aber was, wenn jemand mehrere Bereiche verbinden möchte? Was, wenn sich Tätigkeiten gerade verändern? Oder wenn der Beruf, der heute begonnen wird, in einigen Jahren ganz andere Aufgaben enthält?

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Dann ist das fehlende Wort nicht automatisch ein Zeichen für fehlende Orientierung.

Auch später passen die vorhandenen Antworten nicht immer

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Das hört nach Schule, Ausbildung oder Studium nicht auf.

Auch im Arbeitsalltag gibt es Situationen, in denen jemand spürt, dass die bisherige Art zu arbeiten nicht mehr richtig passt.

Eine Person möchte mehr Verantwortung übernehmen, aber kein Team führen. Eine andere möchte ihr Wissen weitergeben, ohne künftig für jede Frage zuständig zu sein. Jemand wünscht sich mehr Gestaltungsspielraum, möchte aber nicht gleich die Stelle wechseln. Manche wollen lernen, aber nicht schon wieder in einem Seminar sitzen, dessen Teilnahmebescheinigung später sorgfältiger abgelegt wird als der Inhalt. Hinter einem zunächst unklaren Wunsch kann etwas sehr Konkretes liegen: mehr Ruhe für anspruchsvolle Aufgaben, eine andere Form der Zusammenarbeit, Zeit für Entwicklung oder die Möglichkeit, eine Fähigkeit einzusetzen, die in der bisherigen Rolle kaum vorkommt.

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Im Organigramm gibt es dafür nicht immer ein Kästchen.

Im Arbeitsalltag ist das Bedürfnis trotzdem da.

Jedes Team hat ein geheimes Organigramm

 

In Workshops mit Teams wird dieser Unterschied besonders sichtbar.

Es gibt das offizielle Organigramm. Darin stehen Funktionen, Zuständigkeiten und Berichtslinien. Und es gibt die Version, die niemand ausgedruckt hat. Darin würde stehen, wer bemerkt, dass eine Person im Gespräch kaum noch vorkommt. Wer zwischen zwei Sichtweisen übersetzt. Wer den roten Faden hält. Wer eine unangenehme Frage stellt, wenn alle anderen schon erleichtert nicken. Und wer ziemlich zuverlässig erkennt, dass eine angekündigte „ganz kurze Abstimmung“ vermutlich nicht ganz kurz wird. Diese Beiträge haben selten einen offiziellen Titel. Trotzdem können sie darüber entscheiden, ob Zusammenarbeit gelingt.

 

In gemeinsamen Übungen zeigt sich manchmal, dass die ruhigste Person Orientierung schafft. Die vermeintlich kritische Person entdeckt ein Risiko, das bisher übersehen wurde. Oder jemand übernimmt ganz selbstverständlich eine verbindende Rolle, obwohl sie in keiner Stellenbeschreibung auftaucht.

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Das führt zu interessanten Fragen:​

Was geschieht in unserem Team längst, obwohl es nie offiziell vereinbart wurde?

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Welche Fähigkeiten nutzen wir, ohne sie wirklich wahrzunehmen?

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Und wer hält etwas zusammen, das im Organigramm gar nicht vorkommt?

 

Nicht jeder Beitrag braucht sofort eine neue Funktionsbezeichnung. Aber was dauerhaft unsichtbar bleibt, kann kaum bewusst einbezogen, verteilt oder anerkannt werden.

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Ich passe selbst nicht in eine vertraute Verpackung

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Auch meine eigene berufliche Rolle lässt sich nicht vollständig mit einer Bezeichnung beschreiben.

Mein Arbeitsalltag bewegt sich zwischen beruflicher Orientierung, individueller Lernbegleitung und Workshops, in denen Zusammenarbeit und Future Skills nicht nur besprochen, sondern erlebbar werden. Dazu kommen neue Formate, Zukunftsfragen, systemische Perspektiven und die Freude daran, aus einer ersten Idee etwas zu entwickeln, das vorher noch nicht da war.

 

Für jede einzelne Tätigkeit gibt es eine Bezeichnung.

Für ihre Verbindung nicht.

 

Würde ich alles auf eine Visitenkarte schreiben, bräuchte sie vermutlich eine Ausklappfunktion. Lange habe ich versucht, die verschiedenen Teile einzeln zu erklären. Irgendwann wurde deutlicher, dass genau ihre Verbindung meine eigentliche Arbeitsweise ausmacht.

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RoY ist aus dieser Erfahrung entstanden.

 

Nicht als sorgfältig geplanter zusätzlicher Titel, sondern weil sich zwischen den vorhandenen Rollen immer wieder Lücken gezeigt haben. Zwischen individueller Orientierung und gemeinsamer Entwicklung. Zwischen einem guten Gespräch und einer Erfahrung, die Menschen im Workshop miteinander machen. Zwischen dem Verstehen von Veränderung und der Frage, wie man im Alltag damit umgehen kann. Aus diesen Lücken ist etwas Eigenes gewachsen. Manchmal beginnt Neues nicht mit einer fertigen Idee. Es beginnt mit dem wiederkehrenden Gedanken: Dafür müsste es eigentlich etwas geben.

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Was wir suchen, ist oft eine Verbindung

 

Lebensmodelle und Arbeitsformen lassen sich ebenfalls nicht immer sauber voneinander trennen. Manche Menschen möchten eine Ausbildung machen und später studieren. Andere möchten nach dem Studium endlich praktisch arbeiten. Jemand wünscht sich eine sichere Anstellung und gleichzeitig Raum für ein eigenes Projekt. Eine andere Person möchte weniger Stunden arbeiten, aber nicht weniger Verantwortung übernehmen. Solche Vorstellungen wirken nur dann widersprüchlich, wenn wir ausschließlich in vertrauten Gegensätzen denken.

 

Sicherheit oder Freiheit.

Karriere oder Privatleben.

Bleiben oder gehen.

Fachkraft oder Führungskraft.

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Der Alltag antwortet darauf erstaunlich oft mit: von beidem etwas, aber bitte in einer Form, die tatsächlich funktioniert. Natürlich lässt sich nicht jede gewünschte Kombination sofort umsetzen. Arbeitsverträge, Einkommen, Gesundheit, Betreuung und betriebliche Möglichkeiten setzen reale Grenzen. Aber bevor wir prüfen können, was machbar ist, müssen wir genauer verstehen, was eigentlich gesucht wird.

 

Ein ganz normaler Mittwoch

 

Wer bei der Frage nach der Zukunft nicht weiterkommt, kann den Berufstitel für einen Moment beiseitelegen. Hilfreicher ist manchmal die Vorstellung eines gewöhnlichen Mittwochs. Nicht der perfekte Tag am Meer. Kein Tag, an dem alle Aufgaben erledigt sind, das Postfach leer bleibt und sogar die Zimmerpflanze sichtbar dankbar aussieht.

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Ein ganz normaler Mittwoch.

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Wann beginnt dieser Tag?

Wie viel Zeit verbringe ich mit anderen Menschen?

Möchte ich häufig reagieren oder mich länger in etwas vertiefen?

Bin ich an einem festen Ort oder unterwegs?

Was möchte ich am Ende des Tages getan, geklärt, gebaut, gestaltet oder ermöglicht haben?

Und was soll möglichst wenig vorkommen?

 

Diese Fragen liefern keine fertige Berufsbezeichnung. Sie zeigen aber, ob es eigentlich um eine Tätigkeit, eine Arbeitsumgebung, ein bestimmtes Maß an Verantwortung oder um mehr Spielraum im Leben geht.​

Drei kleine Versuche ohne große Entscheidung

Eine noch unfertige Vorstellung muss nicht sofort zur Lebensentscheidung werden. Sie kann zunächst im Kleinen getestet werden.
 

1. Eine Woche lang Verben sammeln

Nicht nach Berufen suchen, sondern darauf achten, welche Tätigkeiten Energie geben.

Erklären, organisieren, gestalten, reparieren, zuhören, recherchieren, verhandeln, verbinden oder ausprobieren.

Am Ende der Woche ist möglicherweise noch kein Ziel gefunden. Aber es wird sichtbarer, was darin vorkommen sollte.
 

2. Eine Idee in der Zehn-Prozent-Version testen

Wer Wissen weitergeben möchte, muss nicht sofort die Rolle wechseln. Vielleicht lässt sich zunächst eine neue Kollegin begleiten. Wer sich für einen anderen Bereich interessiert, kann bei einem Projekt mitarbeiten, ein Gespräch führen oder für einen Tag Einblick nehmen. Die Zehn-Prozent-Version ist klein genug, um ausprobiert zu werden, und groß genug, um etwas Reales zu erfahren.
 

3. Im Team nach dem Unsichtbaren fragen

Eine einfache Frage kann bereits etwas verändern:

Was geschieht hier eigentlich nur deshalb, weil jemand es stillschweigend übernimmt?

Dabei können Aufgaben auftauchen, die bisher nebenbei erledigt wurden. Vielleicht wird auch eine Fähigkeit sichtbar, für die das Team künftig mehr Raum schaffen möchte.

​Das Feld „Sonstiges“ ist nicht leer

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Wir suchen Orientierung häufig dort, wo bereits Bezeichnungen, Laufbahnen und fertige Möglichkeiten vorhanden sind.

Das ist verständlich. Bekannte Kategorien geben Sicherheit. Sie zeigen aber vor allem, was schon geordnet wurde.

Zukunft entsteht manchmal an einer anderen Stelle. In einer ungewöhnlichen Verbindung. In einer Aufgabe, die jemand längst übernimmt. In einem Bedürfnis, das zunächst schwer zu erklären ist. Oder in einer Lücke, die nicht sofort geschlossen, sondern erst einmal genauer betrachtet wird.

 

Vielleicht sollten wir dem Kästchen „Sonstiges“ deshalb mehr Wertschätzung entgegenbringen. Nicht als Ablage für alles, was sich nicht einordnen lässt, sondern als Hinweis darauf, dass sich hier etwas zeigt, für das unsere Sprache noch nicht ausreicht. Denn wenn wir selbst noch nicht wissen, wie wir etwas benennen sollen, wie soll es dann gesehen, ausgesprochen oder ausprobiert werden? Wie soll es eine Chance bekommen, wirklich zu entstehen? Das Neue braucht nicht sofort einen perfekten Namen. Aber es braucht Aufmerksamkeit und Raum, damit es sich entwickeln kann.

 

Vielleicht ist „Sonstiges“ deshalb keine unbefriedigende Restkategorie.

Vielleicht ist es ein vorläufiger Name für etwas Neues, das in einer vertrauten Form entstanden ist und trotzdem nicht mehr ganz in sie hineinpasst.

 

Der Inhalt ist längst da.

Wir sollten ihn nicht übersehen, nur weil die passende Beschriftung noch fehlt.

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